Mann möchte seinen Aston Martin, angefangen beim DB5 über den abgehobenen Van(qu)ish aus «Die Another Day», der sich unsichtbar machen kann bis zum herrlich kompakten DB10 aus «Spectre».

Mann möchte auch die diversen Damen näher kennenlernen, angefangen bei Honey Ryder über Jinx Johnson bis zu Xenia Onatopp, gespielt von der unvergleichlichen Famke Janssen. Mann möchte in den edlen Hotels absteigen und vielleicht auch das eine oder andere Abenteuer erleben, aber etwas möchte man nicht: James Bonds Leber.

So sieht es auch Telegraph-Journalistin Leah Hyslop, und der Dame ist durchaus beizupflichten, beschränkt sich doch 007 Genuss nicht nur auf Bollinger RD oder Dom Perignon Champagner. Sein Lieblingsgetränk ist ein Dry Martini – seltsamerweise «shaken, not stirred».

Warum der Geheimagent seinen Martini lieber geschüttelt als klassisch gerührt mag, darüber wurden schon Seiten geschrieben. Die eigene Erfahrung zeigt, dass die shaken Variante erfrischender ist und sich deshalb besonders im Sommer anbietet. Doch darum geht es hier nicht, sondern um James Bonds Eigenkreation, die er in «Casino Royale» dem Barkeeper diktiert und Vesper tauft, zu Ehren seiner einzig wahren Liebe Vesper Lind: «A dry martini. One. In a deep champagne goblet. Three measures of Gordon’s, one of vodka, half a measure of Kina Lillet. Shake it very well until it’s ice-cold, then add a large thin slice of lemon peel.»

Einmal mehr muss man sich über den Geschmack des Geheimagenten wundern: Gordon’s? Es scheint, dass die Lizenz zu Töten sich auch über die Geschmacksknospen erstreckt. Doch solcherlei alkoholische Präferenzen gilt es im Lichte der Zeit anzuschauen, schrieb doch Ian Fleming «Casino Royale» vor über 60 Jahren. Damals gab es den Reichtum an Gins noch nicht, wie wir ihn heute schätzen. Die globale Verfügbarkeit des Walcholderbrands dürfte wohl auch eine Rolle gespielt haben bei den Agentengeschichten. Es wäre zwar exklusiver, wenn James Bond an der Bar des Shiv Niwas Palace in Udaipur  einen Gin 27 aus dem Appenzell bestellen würde, aber eben…

Klar ist, dass das ursprüngliche Rezept von Fleming – 60 ml Gin, 20 ml Wodka und 10 ml Kina Lillet – durchaus über Optimierungspotenzial verfügt. Nebst der beschriebenen Gin-Wahl wäre da noch das Thema Kina Lillet: Bond-Blogger David Leigh äussert den Verdacht, dass sein Held nicht so sehr auf dem Laufenden war. Der aromatisierte Wein, dessen Wurzeln bis ins späte 19. Jahrhundert zurückreichen, zeichnete sich durch den Zusatz eines Chinin-Likörs aus, gewonnen aus peruanischen Chinarindenbäumen. Chinin, wie es auch beim Tonic Wasser zum Einsatz kommt, verfügt über eine fiebersenkende und muskelentspannende Wirkung und wurde deshalb sehr in den Kolonien und Malaria-Gebieten geschätzt. Einzig: Der Geschmack der Kina-Rinde ist bitter. So wurde über die Jahrzehnte deren Anteil im Lillet verringert und der Zusatz Kina verschwand auch aus dem Namen der populärsten Marke, heute bekannt als «Lillet blanc».

kina

Einen herrlich ausgewogenen Kina findet man heute in der Erlebnisbrennerei Kallnach. Kina L’Aero d’Or nennen sie ihre Hommage an die Zeit vor 100 Jahren und beschreiben ihr Werk wie folgt: Kina L’Aero d’Or spiegelt den Stil der französischen Seealpen wieder. Wein der Cortese Traube aus dem Piemont wird mit einer Kräuterinfusion aus Chinarinde, Orangenschalen, Wermut und anderen exotischen Gewürzen versetzt. Dies ergibt einen Kina mit schönem, tiefen Goldton, mit Aromen von Quitte und feinster Marmelade. Der komplexe, leicht bittere Geschmack ist lang und intensiv.

So kommt es, dass die Old Crow Bar ihr Rezept des Vesper den heutigen Gegebenheiten angepasst und erst noch einen drauf getan hat: «6 cl Gin, 3 cl Wodka und 1.5 cl Kina L’Aero d’Or», sagt Markus Blattner. War schon das Ur-Rezept ein Hammer, ist der Old Crow Vesper die volle Breitseite. «Ein richtiger James-Bond-Drink», findet denn auch 007-Fan Ivan Paszti. «Ein extra starker Drink für den harten Mann und die taffe Frau.»

Die Wahl des Gins ist den Präferenzen des Gast überlassen. Wer seine Grenzen ausloten will, dem sei der Tanqueray Imported London Dry Gin empfohlen mit läppischen 47,3 Volumenprozent – man munkelt, es sei Frank Sinatras Lieblings-Gin gewesen.  Alle Zutaten werden Bond-gerecht geschüttelt und in ein gut eisgekühltes Champagnerglas (large goblet glass) abgeseit. Serviert wird der Vesper mit einer langen, dünnen Zitronenschale.

Der Genuss, der einem fast vom Hocker haut, ist eisklar und herb, begleitet von einer aromatischen Süsse geprägt von der Orangenschale und dem Wermut des Kina. Ein wunderbares Erlebnis, dessen Abgang lange anhält und nach mehr verlangt. Doch eine Bitte zum Schluss: Lassen Sie es bei einem Vesper Martini bewenden – Ihrer Leber zu Liebe.

Marc Bodmer